Die Weinbauern haben ein neues Lieblingswort: "Terroir". Das bedeutet
auf französisch "Boden" und den soll man, wenn es nach den Winzern
geht, im Wein schmecken. Egal ob der edle Tropfen dann nach
Moselschieferboden, tonhaltigen Böden oder Steilhängen mundet.
Sechs Orgelpfeifen ragen in den Weinkeller herab. Bläst der Wind durch das
Tal, durchzieht ein leiser Klang dendunklen, feuchten Keller mit
Edelstahltanks, in denen einige der besten Moselrieslinge lagern. Reinhard
Löwenstein will mehr als einfach nur Wein machen, er will Rieslinge
komponieren, die das Typische des "Terroirs" erkennen lassen. Kaum
ein anderer Begriff hat in den vergangenen Jahren so hitzige Diskussionen in
der Weinwelt ausgelöst und so viele Interpretationen erfahren. Jetzt kommen "Terroir-Weine"
auch in die Supermarktregale.
Darüber, was Terroir bedeutet, ist sich die
Winzergemeinde selbst nicht ganz einig. Die Übersetzung des französischen
Begriffs mit "Boden" oder "Gegend" greift zweifellos zu
kurz. "Zu Terroir gehört auch der Niederschlag, die Rebsorte, das
Mikroklima des Standorts, aber auch die Kunst des Winzers", erklärt
einer der deutschen "Terroiristen": Reinhard Löwenstein vom
Weingut Heymann-Löwenstein in Winningen an der Untermosel. „Den Boden
schmecken“ müssen Weintrinker nach Ansicht des Winzers, der in seinen
Rieslingen die leisen und komplexen Aromen des Moselschiefers
herausarbeitet. "Ein guter Wein schreit nicht", sagt der
Agraringenieur.
Was unterschiedliches Terroir im Alltag der Winzer heißt, wird an der Mosel
besonders gut deutlich. Während die Kollegen in anderen Anbaugebieten zum
Ende der Lese mit fast allem außer Regen leben können, stelle Niederschlag
für die Weinmacher an den Steilhängen kaum ein Problem da, erklärt
Löwenstein. Die Schieferböden ließen das Wasser schneller ablaufen als
tonhaltige Böden, wie es sie beispielsweise in Rheinhessen gebe. Diese
speicherten viel mehr Wasser, was sich letztlich auch bei den Weinen
bemerkbar mache.
Trauben schmecken nach Birne
Wissenschaftlichen Sachverstand bringt das Projekt "Terroir Hessen"
der Forschungsanstalt Geisenheim im Rheingau in die Diskussion. Für Prof.
Otmar Löhnertz ist Terroir der Standort des Weinbergs und das, was der
Mensch daraus macht. "Wenn im Wein Aromen wie Birne oder Aprikose zu
entdecken sind, müssen sie schon vorher in der Traube gewesen sein",
erläutert der Fachmann für Bodenkunde und Pflanzenernährung. Er nimmt an,
dass Terroir-Weine noch eine große Zukunft haben – stünden sie doch für
einen unverwechselbaren Weinstil. Der Öchslegrad als Qualitätsmerkmal sei
heute kaum noch zur Orientierung geeignet, da in den vergangenen Jahren
ständig reife Ernten zu beobachten gewesen seien.
Unwort des Jahres
Auf Terroir setzt auch Karlheinz Wehrheim vom Weingut Dr. Wehrheim in
Birkweiler am Pfälzer Wald. "Ich versuche den eigentlichen Typ des
Bodens unverfälscht weiterzugeben und nicht zu beeinflussen",
erklärt der Winzer seine Philosophie, nach der im Keller so wenig wie
möglich an den Weinen verändert wird.
Kritisch sieht Florian Weingart aus Spay am
Mittelrhein die Entwicklung. Der junge Winzer fordert, traditionelle
Begriffe wie Öchsle nicht zu unterschätzen. Terroir wird von ihm als "Unwort
des Jahres" bezeichnet. "Terroir ist eine Marketingkampagne auf
Kosten der Gerechtigkeit." Der Begriff, der auch als Gegenentwurf zu
Globalisierung und Industrialisierung der Weinwirtschaft verstanden werden
solle, werde allzu oft missbraucht. Trotz aller Diskussionen aber gibt es
Übereinstimmung in einem zentralen Punkt: "Letztlich sind wir uns
doch alle einig: Es geht um den Genuss!"